Grimms Manga als Märchen-Verwirrbuch: Wenn Rotkäppchen den geliebten Wolf heiratet

Frankfurter Comic-Forscher betrachtet moderne Manga als eine Form der globalisierten Populär- und Jugendkultur

Veröffentlicht am: Freitag, 14. Dezember 2012, 15:01 Uhr (300)

FRANKFURT. Als 1887 „Der Wolf und die sieben Geißlein“ in Tokio in einer mit Farbholzschnitten illustrierten Übersetzung erschien, konnte noch niemand ahnen, dass die Brüder Grimm heute zu den mit Abstand bekanntesten deutschen Literaten im Land der aufgehenden Sonne gehören. Inzwischen haben die Stoffe der Grimm’schen Märchen längst auch Eingang in den japanischen Comic gefunden. „Das hängt nicht zuletzt mit dem Wesen des modernen Manga als einer Form der globalisierten Populär- und Jugendkultur zusammen“, wie der Frankfurter Comic-Spezialist Dr. Bernd Dolle-Weinkauff in seinem Beitrag des soeben erschienenen Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (3/2012) darlegt. Er beschäftigt sich seit 1983 mit dieser Literaturgattung und zählt zu den international anerkanntesten Comic-Forschern.

Schneewittchen, das sich beinahe in einen niedlichen Feenzwerg verliebt, der narzisstische Hänsel, der Klein-Gretel wegen der betörenden Hexe Hildegard im Wald stehen lässt, der Bishônen-Jüngling Rapunzel, der die sportliche Jungfer Eva schwängert – diese Geschichten und einige andere mehr entstammen dem Universum der japanischen Comics des 21. Jahrhunderts und haben ihre Wurzeln in der Grimm’schen Märchenwelt. Die Manga haben mittlerweile begeisterte Leser und Nachahmer selbst im Heimatland von Jacob und Wilhelm Grimm gefunden. Dazu der Literaturwissenschaftler Dolle-Weinkauff vom Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität: „Was in Deutschland und den anderen westlichen Ländern gegenwärtig als Comic japanischer Herkunft entgegentritt, spiegelt häufig amerikanische und europäische Einflüsse wider, die das Resultat der Rezeption in diesen Ländern seit Beginn der 1950er Jahre sind.“ So gehen etwa die heute als so typisch japanisch geltenden tellergroßen Augen und kindlichen Proportionen auf Disney-Filme und Disney-Comics zurück, die vor über einem halben Jahrhundert in Japan ihren Siegeszug feierten.

Die häufig fantastischen Szenarien der Bildgeschichten greifen nicht nur auf die Grimms zurück, sondern auch auf Erzählungen, Mythen und Sagen aus unterschiedlichsten Kulturen: „Die Manga in der Gegenwart stellen eine üppige Ansammlung von Versatzstücken und Elementen der kulturellen und literarischen Überlieferung im Weltmaßstab dar, die mit eigenkulturellen japanischen Elementen amalgamiert wurde“, so Dolle-Weinkauff. Dies gilt im Übrigen auch für die artverwandten Zeichentrickfilme – „Anime“ genannt –, wie etwa die vielfach prämierten Werke Hayao Miyazakis, von denen die Frankfurter Japanologin Prof. Lisette Gebhardt deshalb sagt, dass sie „eine üppige west-östliche Ausstattung“ aufweisen.

Die für Kinder von erotischen und gewalttätigen Passagen gereinigten Märchen waren für die Manga untauglich: „Denn die Manga setzen sich gerne – in augenzwinkernder Übereinkunft mit ihrer Leserschaft – über allzu enge moralische und pädagogische Einwände hinweg“, wie der Frankfurter Comic-Spezialist erläutert. 1998 veröffentlichte Misao Kiryu den Erzählband „Grimms Märchen sind eigentlich grausam“ und bot damit eine neue und sehr viel drastischere Lesart als die bislang gewohnten an; auch vor dem Einsatz von Horror-Motiven machte er nicht halt. „Seitdem lässt sich beobachten, wie im Manga verstärkt Erzählungen aus den Kinder- und Hausmärchen aufgegriffen und recht freizügig umgestaltet werden“, hat Dolle-Weinkauff festgestellt.

Die „Grimms Manga“ von Kei Ishiyama, die der Verlag Tokyopop seit 2007 produziert, verfahren nach dem Prinzip des „Märchen-Verwirrbuchs“. Diese Bezeichnung brachte der Frankfurter Politologie-Professor und Hobby-Märchenautor Prof. Iring Fetscher auf, der den Prototyp dieser Märchen-Lesart bereits 1972 mit dem Band „Wer hat Dornröschen wachgeküßt?“ mit großem Erfolg vorstellte. „Kei Ishiyama deutet die Vorlagen mehr oder minder radikal um, verdreht Figuren, Motive und Handlungen parodistisch und führt die Erzählungen zu ganz neuen Pointen“, analysiert der Literaturwissenschaftler. So wird aus dem „Gestiefelten Kater“ ein selbst wandlungsfähiger Katzen-Dämon, „Der Froschkönig“ wie auch „Rapunzel“ erfahren eine höchst folgenreiche Geschlechtsumwandlung und das neue „Rotkäppchen“ heiratet wahrscheinlich ihren geliebten Wolf.

Kei Ishiyamas Grimm-Parodien haben mittlerweile Nachfolger in der deutschen Manga-Szene gefunden: „So hat David Füleki 2012 mit dem bezeichnenden Titel „Blutrotkäppchen“ das Grimm’sche Vorbild in Form einer Slasher-Komödie inszeniert, die in einem wilden ‚Märchen-Monster-Massaker‘ endet. Bereits 2011 veröffentlichte Tokyopop einen ‚Grimms Manga‘-Sonderband, an dem sich einige der namhaftesten Eleven des Manga-Stils aus dem deutschsprachigen Raum mit jeweils eigenen Märchen-Neuerzählungen beteiligten.“

Auch die genre-typischen Erzählformen und Darstellungsweisen der Manga nahm Dolle-Weinkauff unter die Lupe: „Die Geschichten zeichnen sich durch höchst rasante Bildfolgen mit dynamischen Layouts aus, die mit gefühlig-ruhigen Passagen wechseln. Die vermenschlichten Tiere werden dabei gründlich nach dem Niedlichkeitsprinzip (japanisch ‚kawai‘) verformt, und die weiblichen Hauptfiguren erhalten ein Design von zartestem Körperbau und Physiognomien mit den bekannten treuherzigen, tellergroßen Augen.“ Erstaunlich auch, was aus den im deutschen Märchen meist etwas bieder geratenen männlichen Protagonisten wird: „Sie sind durchgängig geformt nach dem Modell des Bishônen, des – beinahe unnahbar – schönen Jünglings, der in der luziden Gestalt des Märchenprinzen seine höchste Vollendung erreicht.“

Informationen: Dr. Bernd Dolle-Weinkauff, Institut für Jugendbuchforschung, Campus Westend, Tel. (069) 798-33001, dolle-weinkauff@rz.uni-frankfurt.de

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