Von Märchen und Mythen

Das Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ erscheint pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen

Veröffentlicht am: Donnerstag, 13. Dezember 2012, 11:10 Uhr (297)

FRANKFURT. Pünktlich zum Jubiläum von Grimms Märchen, die zum ersten Mal im Dezember 1812 als „Kinder- und Hausmärchen“ erschienen sind, beschäftigen sich Literaturwissenschaftler in der gerade erschienenen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ damit, wie sich dieser literarische Fundus im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. „Märchen und Mythen“ ist das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins der Goethe-Universität (3/2012). Am Beispiel der nordischen „Edda“, zu der zwei verschiedene auf Altisländisch verfasste literarische Werke gehören, zeigen die Frankfurter Skandinavistinnen, wie Mythen buchstäblich in jeden Winkel der Kultur vordringen.

Die Themen:

Blick in die Frankfurter Edda-Sammlung

Die beiden literarischen Edda-Werke aus dem 13. Jahrhundert überliefern den größten erhaltenen Schatz an nordischer Mythologie und Heldensage. Gern für „germanisch“ gehalten sind diese Stoffe seit dem 18. Jahrhundert weit über Island hinaus bekannt. Das spiegelt sich auch in den mehr als 1200 Objekten der Frankfurter Edda-Sammlung im Institut für Skandinavistik an der Goethe-Universität. Prof. Dr. Julia Zernack und Dr. Katja Schulz zeigen in ihrem Beitrag, wie die verschiedenen Objekte der sehr heterogen Sammlung sich gegenseitig beleuchten und wie sie eine Rezeptionsgeschichte durch die Jahrhunderte dokumentieren.  

Grimms Märchenideal im Biedermeier

Was die beiden Hessen Jakob und Wilhelm Grimm als reine „Volkspoesie“ darboten, war ihr literarisches Kunstwerk. Sie waren davon überzeugt, mit ihrem neuen Märchenideal das ursprüngliche Wesen des Märchens erfasst zu haben. Gesellschaftliche Bezüge wurden aus ihren Märchen verbannt, ihnen ging es allein darum, die fernliegende Vergangenheit widerzuspiegeln, wie der Germanist Prof. Hans-Heino Ewers in seinem Artikel analysiert. Den Erwachsenen im bürgerlichen Biedermeier gefiel genau diese Perspektive: Sie genossen den wehmütigen Rückblick auf eine vormoderne Vergangenheit, den Reiz eines naiven Wunderglaubens und ein Dasein jenseits von Sexualität und Triebhaftigkeit.

Die Grimms und die Manga

Dass Grimms Märchen auch in den japanischen Comic Eingang fanden, hängt mit dem Wesen des modernen Manga als einer Form der globalisierten Populär- und Jugendkultur zusammen. Was in westlichen Ländern als Comic japanischer Herkunft entgegentritt, spiegelt aber auch oft amerikanische und europäische Einflüsse wider. Dr. Bernd Dolle-Weinkauff beschäftigt sich fast 30 Jahren mit der Comic-Forschung und dazu gehören auch die Manga.

Grimms Märchen in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur

Was alles unter der literarischen Marke »Märchen« auf dem Kinder- und Jugendbuch-Markt firmiert, ist äußerst variantenreich – vom Wimmelbuch im Großformat bis zum SMS-Märchen in 160 Zeichen. Neben dem üblichen Dauersortiment tun sich auch immer mehr Parallelwelten zu den Grimm’schen Märchen auf: Dazu gehören beispielsweise die Märchen-Lovestories für Mädchen, in denen Märchen-Figuren als Strippenzieherinnen in der realen Welt auftreten, ebenso wie die Einbindung der Brüder Grimm in Jugendthriller. Die Verlage suchen Kontakt zum jungen Publikum über vielfältige crossmediale Angebote, Apps und Fanclubs im Netz bedienen den modernen Märchen-User. Wie sich das Angebot gewandelt hat, beschreibt die Literaturwissenschaftlerin Dr. Claudia Maria Pecher, die auch Vorstandsmitglied der Märchen-Stiftung Walter Kahn ist.

Was Film- und Fernsehproduktionen aus Märchen machen

Auch in Film und Fernsehen erleben Märchen eine Renaissance. Die Filme knüpfen an das an, was Kindern und Erwachsenen aus mündlicher Überlieferung und Lektüre vertraut ist, und beleben den Stoff auf ihre Art neu. Während die Filme von ARD und ZDF, die insbesondere zur Weihnachtszeit ausgestrahlt werden, noch relativ nah an die Textvorlagen der Brüder Grimm angelehnt sind, entfernen sich amerikanische Serien und Filme immer weiter von den Quellen. Häufig entsteht daraus ein Genre-Mix aus klassischen Märchen, Mythen und Populärkultur verknüpft mit Fantasy-Elementen, wie die Kinder- und Jugendbuchforscherin Anke Harms zeigt.

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