Navid Kermani bei Auftaktveranstaltung des Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“

45 Wissenschaftler forschen interkonfessionell und interreligiös über Glaubenstraditionen

Veröffentlicht am: Mittwoch, 07. November 2012, 15:28 Uhr (254)

FRANKFURT. Bei der öffentlichen Auftaktveranstaltung des neuen Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“ wird der Kölner Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani am 15. November (Donnerstag) aus seinem Roman „Dein Name“ lesen und mit dem Frankfurter Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt ins Gespräch kommen. Dabei treffen sich literarische und religionsphilosophische Reflexion von Glaubenstraditionen im universitären Raum. Alle Interessierten sind eingeladen, den Gedankengängen zu folgen. Autorenlesung und Gespräch beginnen um 18.15 Uhr auf dem Campus Westend, Hörsaalzentrum (HZ 4).

Der Vater liegt sterbenskrank im Herzzentrum. „Die Mutter bittet die Pförtnerin, für den Vater zu beten, da stammelt die Pförtnerin, die offenbar vollständig areligiös ist, dass sie positive Energien beisteuern würde. Das ist doch Scheiße mit euren Energien, denkt der Jüngste, während er zum Aufzug vorangeht, dann lasst es doch gleich, wenn ihr nicht an Gebete glaubt.“ – Diese Szene aus Navid Kermanis Roman „Dein Name“ zeigt: Religion ist in der heutigen, pluralen Welt nicht (mehr) selbstverständlich. Die Deutungskompetenz der Religionen und der Wissenschaftscharakter ihrer Theologie(n) werden zunehmend als prekär empfunden. Aber die Szene zeigt auch: Spätestens in existentiellen Situationen beziehungsweise in religiös-säkularen Konfliktfeldern spielt auch in der (post)säkularen Gesellschaft Religion eine unausweichliche Rolle. Solche Konfliktfelder regen das Nachdenken über Religion, über Glaubenstradition ungemein an – im privaten wie auch im öffentlich-akademischen Raum – sie sind quasi „Theologie-produktiv“.

Navid Kermani war bereits im Sommersemester 2010 zu Gast in der Goethe-Universität: Als Stiftungsgastdozent der Frankfurter Poetik-Vorlesung sprach er an fünf Abend vor vollem Haus, einiges aus diesen Vorlesungen findet sich auch in seinen 2011 erschienenen Roman „Dein Name“ wieder. Der 1967 in Siegen geborene Schriftsteller ist einer breiten Öffentlichkeit durch die brillante wissenschaftliche Prosa seiner 1999 veröffentlichten Dissertation „Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran“ bekannt geworden, für die er mit dem Ernst-Bloch-Preis ausgezeichnet wurde.

Das Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft. Formierungsprozesse der Reflexivität von Glaubenstraditionen in historischer und systematischer Analyse“ wird getragen von der Goethe-Universität Frankfurt in Kooperation mit der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und der Gutenberg-Universität Mainz. Dem Kolleg gehören insgesamt 45 Mitglieder an, davon elf Stipendiatinnen und Stipendiaten. Die Wissenschaftler werden sich intensiv mit den unterschiedlichen Glaubenstraditionen und ihren vielfältigen Selbstbeschreibungen beschäftigen. Nicht die neutrale Beschreibung der Religion mit ihren verschiedenartigen Phänomen soll im Zentrum stehen, wie dies etwa für Religionswissenschaft, ­soziologie und ­psychologie gilt. Vielmehr geht es um die theologische Reflexion der Religionen mit ihren Geltungsansprüchen und Traditionen, die jedoch nicht isoliert, sondern konsequent im Kontext der anderen Religionen stattfindet.

Dabei sind Frankfurt und die Goethe-Universität als Mittelpunkt des neuen Kollegs prädestiniert. Die beiden christlichen Theologien, die jüdische Religionsphilosophie, die Judaistik, die islamische Theologie und die Geschichtswissenschaften pflegen an der Goethe-Universität seit Jahren einen intensiven Dialog, der nun durch das Graduiertenkolleg weiter vertieft und über die Grenzen der Universität hinaus ausgebaut wird. Dazu der Sprecher des Graduiertenkollegs Prof. Dr. Claus Arnold: „Für diese multireligiöse Metropole ist es eine intellektuelle Herausforderung ersten Ranges, die unterschiedlichen religiösen Traditionen in einen fairen und offenen Diskurs einzubinden. Dies gelingt nur in dem Maße, in dem sich die unterschiedlichen Religionen in ein reflexives Verhältnis zu ihrer je eigenen Tradition setzen können – und darin haben wir in Frankfurt Jahre lange Erfahrung.“

Informationen: Dr. des. Markus Müller, Fachbereich Katholische Theologie,  Koordinator des Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“ und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Kirchengeschichte, Tel. 069/798-33328, markus.mueller@em.uni-frankfurt.de www.theol.uni-frankfurt.de