Brautgeschenke in Westafrika – Münzweihen in römischen Brunnen – Palastanlagen in Syrien

Graduiertenkolleg gewährt Blick hinter die Kulissen: Ausstellung „Werte im Widerstreit“ im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Veröffentlicht am: Donnerstag, 11. Oktober 2012, 15:46 Uhr (226)

FRANKFURT/WIESBADEN. Jede Gesellschaft oder Kultur hat eine andere Vorstellung von „wertvollen Dingen“ und ihren Äquivalenten. Die Ausstellung „Werte im Widerstreit – Von Bräuten, Muscheln, Geld und Kupfer“, die heute in Wiesbaden eröffnet wird und bis zum 16. Dezember in der Ausstellungshalle im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst zu sehen ist, erschließt in lebendiger und spannender Weise 16 Studien von Doktorandinnen und Doktoranden aus der Archäologie, Ethnologie und Volkswirtschaft.

„Damit betreten das Graduiertenkolleg ‚Wert und Äquivalent‘ der Goethe-Universität und die Deutsche Forschungsgemeinschaft Neuland“, betont der Sprecher des Kollegs Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel, „erstmals werden die laufenden Forschungen von Studierenden eines Graduiertenkollegs einer Öffentlichkeit präsentiert, bevor sie in Fachpublikationen erscheinen.“ So erhalten die Nachwuchswissenschaftler die einzigartige Gelegenheit, mit einer Ausstellung ihre Dissertationen zu visualisieren und gleichzeitig praxisbezogen zu arbeiten. Das Publikum wiederum kann den Forschenden bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen und einen Blick hinter die Kulissen der universitären Tätigkeiten werfen.

Seit 2010 geht eine international zusammengesetzte Gruppe von 20 Doktorandinnen und Doktoranden unter der Leitung von zehn Professorinnen und Professoren der Goethe-Universität sowie einer Professorin der TU Darmstadt den Fragen nach: „Wodurch erhalten Dinge ihren Wert und wie verändert er sich im Lauf der Zeit? Wie wird Wert im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext bestimmt und ist der Wert eines Objektes durch Äquivalente präziser zu fassen?“ „Indem die Ausstellung – zum Teil ungewöhnliche – Formen der Erzeugung, Umwandlung und Definition von Wert präsentiert, leistet sie einen Beitrag zur Diskussion über dieses aktuelle Thema und eröffnet neue Sichtweisen auf ein Problem, das jeden von uns angeht“, erläutert die Kuratorin Dr. Charlotte Trümpler. Untersucht werden Keramikobjekte, Bronzeskulpturen, Elefantenstoßzähne, Keilschrifttexte, Steinbeile, Muscheln und Münzen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Zeiten. Dabei erstreckt sich der räumliche Bogen vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis in die Gegenwart und geographisch von Südostasien über den Vorderen Orient, Europa und Afrika, bis nach Nordamerika.

Graduiertenkollegs fördern den wissenschaftlichen Nachwuchs und haben unter anderem zum Ziel, den interdisziplinären Diskurs anzuregen. Bei den Vorbereitungen zur Ausstellung hatten die Doktoranden die Gelegenheit, sich intensiv mit den Forschungsthemen anderer Fachgebiete auseinanderzusetzen. Denn wann sonst diskutieren Archäologen, Ethnologen und Volkswirte über die Gemeinsamkeiten ihrer Dissertationsthemen? Die 16 ganz unterschiedlichen Themen wurden  in vier Bereiche gegliedert. Diese Gruppierung macht deutlich, welch überraschende Übereinstimmungen die verschiedenartigen Themen haben können.

  • Geld und Gewicht: Von der Entstehung des frühsten Gewichtssystems in Mesopotamien/Irak über die Entwicklung der Münze in Griechenland bis zur Geldtheorie des Frankfurter Wirtschaftswissenschaftlers Bernhard Laum.
  • Materialwert: Wie wird ein Palast im 3. Jahrtausend v. Chr. in Syrien gebaut und welchen Wert hatten die Ladungen von gesunkenen römischen Schiffen? Warum verwendete man noch in der Bronzezeit Steingeräte und wie funktionierte das komplexe System der Produktion und Verteilung der Nok-Terrakotten in Nigeria?
  • Ritual: Ist der Münzwurf im Trevibrunnen in Rom, bei dem sich Touristen einen Wunsch erfüllen wollen, heute gleich bedeutend wie antike Münzopfer in Flüssen und Seen? Und wieso werden noch heute Ahnenschätze in Ostindonesien von Katholiken in einem Ritual verehrt?
  • Momente: Die Forschungen über den Brautpreis in Westafrika korrigieren die weit verbreitete Vorstellung, dass die Braut gekauft wird. Und was nehmen alte Leute mit, die ihre Wohnung auflösen und ins Altenheim ziehen? Welchen Wert besitzt ein Objekt, zu dem sie eine lebenslange Beziehung hatten?

Ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung sind die Medien Film und Fotografie. Zwei Studierende aus dem Fachbereich Kunstpädagogik mit Schwerpunkt Film der Goethe-Universität haben einen einführenden Film erstellt. Sie führten mit den Doktoranden Interviews und begleiteten sie während ihren Forschungen. Den innovativen Filmemachern ist es gelungen, mit dem neugierigen Blick von Außenstehenden einen pfiffigen, lebendigen Film mit Gegenwartsbezug zu produzieren. In weiteren Videos, die die Doktoranden während ihren Forschungen erstellten, können die Besucher an einer Brautzeremonie in Burkina Faso teilnehmen, einer Zeremonie von Ahnenschätzen beiwohnen, die Bautätigkeit eines syrischen Palastes aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. erleben und beobachten wie Ösenringe, die den Göttern geweiht wurden, untersucht werden. Geschichten vom letzten Umzug in das Altersheim runden die Ausstellung ab.

Die Umsetzung der Ideen in eine gestalterische Form erfolgte durch Ursula Gillmann, Professorin an der Hochschule Darmstadt, und Studierende ihres Fachbereich Gestaltung. Zusammen mit den Doktoranden des Graduiertenkollegs erarbeitete sie ein ästhetisch ansprechendes Konzept für die Präsentation. Damit Besucher und Doktoranden am Schluss auch etwas in der Hand halten können, das die Ausstellung widerspiegelt, wurde eine Begleitpublikation mit 80 Seiten und 120 Abbildungen erstellt. In dieser sind alle 16 wissenschaftlichen Arbeiten, analog zur Präsentation, knapp und für eine breite Öffentlichkeit gut lesbar zusammengefasst und reich mit Fotografien ausgestattet.

Die Ausstellung ist bis 16. Dezember, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostenlos. Sie findet statt in Ausstellungshalle im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Rheinstraße 23-25, Wiesbaden. Die Ausstellung wird gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den Freunden und Förderern der Goethe-Universität.

Bildmaterial und Bildtexte als Download: hier (.zip, 20MB)

Informationen: Dr. Charlotte Trümpler, Kuratorin der Ausstellung, mobil 0179 7104028, truempler@em.uni-frankfurt.de; auf Anfrage wird die Pressemappe mit der reich bebilderten Begleitpublikation (80 Seiten und 120 farbigen und s/w Abbildungen) sowie einer DVD mit dem Einführungsfilm zur Verfügung gestellt; im Internet: www.value-and-equivalence.de (inkl. Auflistung der Dissertationsprojekte)