Mit „ruhiger Leidenschaft“ der Geldgier auf der Spur

Der Soziologe Sighard Neckel spricht in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ über den Gefühlshaushalt des Kapitalismus

Veröffentlicht am: Freitag, 21. September 2012, 12:31 Uhr (206)

FRANKFURT. Im christlichen Denken war Gier eine Todsünde. Der Liberalismus wollte sie durch die Bindung an wirtschaftliche Interessen in eine „ruhige Leidenschaft“ verwandeln. Heute ist Gier „Begleiterscheinung und Nebenprodukt eines Wettbewerbs, der davon regiert wird, die stets lauernde Chance auf den jeweils noch besseren Deal nicht zu verpassen“. So Sighard Neckel, Soziologieprofessor an der Goethe-Universität, in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (FF 2/2012). Neckel gibt sich zugleich skeptisch, ob unter den Bedingungen des modernen Finanzmarktkapitalismus das „normative Versprechen des Liberalismus“ noch glaubhaft sei, wonach am privaten Vorteil der wirtschaftlich Begüterten auch die Allgemeinheit ihren nützlichen Anteil hat.

In dem Interview mit dem Titel „Gier: Eine Emotion kommt ins Gerede“ konstatiert der Soziologe, in der öffentlichen Diskussion werde häufig so getan, „als ob der Zusammenbruch der Finanzmärkte 2008 und auch die heutigen Turbulenzen der Eurokrise ihre Erklärungen in der Gier der Menschen als einer schlechten Charaktereigenschaft finden würden“. Diese individuellen Zuschreibungen seien für ihn jedoch „eigentlich das, was mich an Gier am wenigsten interessiert“. In der von Neckel mit verfassten Studie „Strukturierte Verantwortungslosigkeit“ gab ein Investmentbanker zu Protokoll, dass in erster Linie die Gier der Anleger für die Finanzkrise verantwortlich gewesen sei. Alles in allem ergaben aber auch die „Berichte aus der Bankenwelt“, so der Untertitel der Untersuchung, ein differenziertes Bild. „Und das ist dann für mich der Beginn einer intensiveren Beschäftigung mit Gier gewesen, wobei ich dabei zunächst einmal auf das zurückgegangen bin, wodurch Gier im engeren Sinne gekennzeichnet ist.“

Grundlegende Überlegungen hat Neckel auch in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Leviathan“ angestellt („Der Gefühlskapitalismus der Banken: Vom Ende der Gier als ‚ruhiger Leidenschaft’“). Gier wird in ganz unterschiedlichen Wissenschaften als „Erwartungslust“ beschrieben. Sie erfährt ihre Befriedigung gerade nicht durch den Genuss eines Objekts; die Lust der Gier liegt im Verlangen selbst. Laut Neckel habe sich auf den modernen Finanzmärkten auch jenseits individuellen Verhaltens eine ökonomische Handlungsstruktur entwickelt, „die genau jene Eigenschaften aufweist, die wir mit Gier verbinden: die Steigerung von Renditen um ihrer selbst willen, jenseits aller sachlichen Bindung, nur vom Ziel bestimmt, den Gewinn von heute Morgen durch höhere Gewinne am nächsten Tag zu überbieten“. In der Handlungsstruktur der heutigen Finanzmärkte kehre die Maßlosigkeit der Gier, die durch bestimmte wirtschaftliche Ziele gar nicht befriedigt werden könne, „gewissermaßen als Geschäftsmodell wieder“.

„Private vices, public benefits“. So lautet ein Lehrsatz des klassischen Liberalismus. Aus privaten Lastern sollen durch die unsichtbare Hand des Marktes öffentliche Vorteile entstehen, durch die Verwirklichung des ökonomischen Eigennutzes von Privatpersonen à la longue Wohlfahrtseffekte für die gesamte Gesellschaft. „Letztendlich ist dies auch eine wichtige Legitimationsgrundlage der heutigen Wirtschaftsordnung“, sagt Sighard Neckel. Denn wir seien durchaus bereit, eine Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen zu akzeptieren, wenn von diesen privaten Gewinnen auch andere Sozialgruppen und die Allgemeinheit profitierten. Dieses Modell einer sozial eingebundenen Marktwirtschaft stehe allerdings zur Disposition. Privater Reichtum wirke heute häufig zerstörerisch für die wirtschaftlichen Interessen der Allgemeinheit, wenn etwa Unternehmen aufgekauft, zerteilt und dann wieder veräußert würden, nur um aus solchen Transaktionen Renditen zu erzeugen. „Und vollends stellt sich das liberalistische Ethos auf den Kopf, wenn für die Risiken des privaten wirtschaftlichen Vorteilsstrebens die Allgemeinheit, d.h. die Steuerbürger die Bürgschaft übernehmen.“

Als Kehrseite der Gier, oder vielleicht auch Komplementär-Laster, wird häufig der Neid genannt. Doch kann man es als eine Neiddebatte bezeichnen, wenn in der Öffentlichkeit über die Begrenzung hoher Einkommen, Leistungsgerechtigkeit und die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte diskutiert wird? Wohl kaum, sagt Neckel. Was sich hier öffentlich als Kritik am Kapitalismus der Gegenwart vollziehe, sei obendrein auch nichts Revolutionäres. Vielmehr würden die Wirtschaftseliten auf jene Normen hin angesprochen, auf die sie sich zu ihrer eigenen Rechtfertigung beriefen. Sighard Neckel: „Die öffentlichen Debatten um die Regeln der Finanzmärkte und um die Verteilung des Reichtums stellen somit eigentlich nichts anderes dar als eine Auseinandersetzung um die normative Geschäftsordnung, die sich diese Gesellschaft selbst gegeben hat.“

Sighard Neckel wird seine Thesen zur strukturell bedingten Gier im Finanzmarktkapitalismus auch als Experte der Frankfurter Bürger-Universität im kommenden Wintersemester erläutern. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte?“ referiert und diskutiert er am 10. Dezember über das Thema „Falsche Anreize: Ruiniert Gier die Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens?“.

Informationen: Prof. Sighard Neckel, Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse, Campus Bockenheim, AfE-Turm, Tel.: (069) 798-23334, neckel@soz.uni-frankfurt.de, www.fb03.uni-frankfurt.de/soziologie/sneckel

 Die aktuelle Ausgabe „Forschung Frankfurt“ beschäftigt sich ausschließlich mit dem Thema „Geld“.

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