Finanzkrise besser verstehen

In der neuesten Ausgabe von Forschung Frankfurt zum Thema Geld kommen prominente Deuter der Krise zu Wort

Veröffentlicht am: Donnerstag, 13. September 2012, 15:25 Uhr (196)

FRANKFURT. Kaum eine Errungenschaft ist universeller und beeinflusst den Alltag eines jeden Menschen nachhaltiger als Geld. Die soeben erschienene Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt (2/2012) widmet sich der aktuellen Euro-Krise, aber auch verschiedenen Themen rund ums Geld. Dabei kommen nicht nur prominente Finanzwissenschaftler und Regulierungsexperten der Goethe-Universität zu Wort, sondern auch Gesellschafts-, Sozialwissenschaftler und Philosophen.

Die Medien berichten seit Jahren geradezu sturzbachartig über die Finanzkrise, gleichzeitig nimmt das Interesse des Publikums an solchen Hiobsbotschaften dramatisch ab. Gleichzeitig wachsen die Ängste der Bürger – wie aktuelle Umfragen zeigen. Ökonomen der Goethe-Universität wie z.B. der langjährige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Prof. Otmar Issing, vermitteln die komplexen Zusammenhänge, die sich hinter dieser Krise verbergen: „Diagnosen aus verschiedenen Perspektiven, durch die auch die Unterschiede zwischen den Positionen deutlich werden, sind gefragt und fordern die Dialogkultur der Wissenschaftsdisziplinen heraus, fördern sie aber auch“, so der Vize-Präsident der Goethe-Universität und Ökonom Prof. Rainer Klump im Editorial von Forschung Frankfurt.

Diese längst überfällige Dialogkultur in der Finanzkrise unterstützt die Goethe-Universität im kommenden Wintersemester beispielsweise mit der Vortragsreihe der Bürgeruniversität „Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte?“

Gesellschafts- und Sozialwissenschaftler kommen in dem aktuellen Heft ebenso ausführlich zu Wort. Ihre Stimme war in der Krise bisher kaum zu hören. Nun melden sie sich um so vernehmlicher zu Wort wie zum Beispiel der Frankfurter Soziologe Prof. Sighard Neckel mit einer Analyse der Gier. Die Geisteswissenschaftler sind vor allem skeptisch, was das jahrzehntelang gültige Dogma des Neoliberalismus angeht. Aus ihrer Sicht stoße die Finanzwirtschaft heute an ihre Grenzen. Vor diesem Hintergrund möchten die Geisteswissenschaftler diese Deutungshoheit nicht mehr akzeptieren und fordern, ihre Sichtweisen in eine angemessene Gesamtbetrachtung der Krise mit einzubeziehen. Und wie betrachten Philosphen das Geld? Das eigentlich tugendneutrale Geld kann der Tugend selbst und ebenso dem Laster zu Diensten stehen. Die eindeutige Zuordnung geldgebundenen Handelns in Tugend oder Laster fällt dabei nicht immer leicht.

Forschung Frankfurt widmet sich aber auch dem Phänomen „Geld“ jenseits des aktuellen Krisenmodus´: Geld ist nicht nur ein schlichtes Tauschmittel oder Medium. Hinter dem System „Geld“ verbergen sich Zeichen und Regeln, die die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmen. Das, was Menschen leisten und hervorbringen, fasst Geld in Zahlen, macht es tauschbar und messbar.

Geld existiert nicht erst, seit die ersten Münzen geprägt wurden: Bereits aus dem 3. bis 1. Jahrtausend v. Chr. sind komplexe Wirtschaftssysteme aus Ägypten und dem Vorderen Orient bekannt. Rinder, Kessel, Bratspieße und Dreifüße dienen schon in der griechischen Frühgeschichte als Zahlungsmittel. Im Reich der Lyder unter König Kroisos um 600 v. Chr. tauchen dann zum ersten Mal Münzen auf. Vor 2000 Jahren tritt der römische Denar den Siegeszug in Europa an – der Euro des Altertums, allerdings bestimmen allein die römischen Herrscher die Geldpolitik. Archäologen und Numismatiker der Goethe-Universität beleuchten den neusten Stand der Forschung.

Unterschiedliche aktuelle und historische Perspektiven auf das Geldsystem werfen Wirtschaftswissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Philosophen, Historiker, Ethnologen und Literaturwissenschaftler in der neuesten Ausgabe des 128 Seiten umfassenden Wissensmagazins. Diese verschiedenen Blickwinkel lassen erkennen, wie der Substanzwert des Gelds immer stärker dem Funktionswert weicht: Erst zahlten die Menschen mit Gebrauchsgegenständen, später mit seltenen Metallen, dann mit Scheinen – und heute zirkuliert das Geld virtuell nahezu in Lichtgeschwindigkeit um die Welt. Aber auch Tauschringe gibt es nicht nur in abgelegenen Regionen der Erde wie Papua-Neuguinea; Tauschsysteme feiern in Finanzkrisen ein Comeback.

„Wir wollen alle Tage sparen und brauchen alle Tage mehr.“ So steht es in Goethes Faust. Wie ist es um den Umgang Einzelner mit Geld bestellt? Sozialpsychologen beschäftigen sich beispielsweise mit der Frage, warum die Finanzen so häufig zu Konflikten in Paarbeziehungen führen. Was Goethe und Geld mit einander zu tun haben, zeigen die Frankfurter Wissenschaftler ebenfalls: Goethe führte nicht nur akribisch seine Haushaltsbücher, er interessierte sich als Finanzminister und Schriftsteller auch für Fragen der Nationalökonomie – was nicht zuletzt in der Papiergeldszene des “Faust“ seinen Niederschlag fand. Literaturwissenschaftler eröffnen noch einen ganz anderen Blick auf das Geld, ob es um den ersten deutschsprachigen Wirtschaftsroman geht – übrigens ein Bestseller im 16. Jahrhundert – um Wagners „Ring des Nibelungen“ oder um die reichste Ente der Welt, Dagobert Duck.

Informationen: Dr. Anne Hardy, Ulrike Jaspers, Referentinnen für Wissenschaftskommunikation, Abteilung Marketing und Kommunikation, Campus Bockenheim, Tel. (069) 798 – 23266, hardy@pvw.uni-frankfurt.de; jaspers@pvw.uni-frankfurt.de

Die aktuelle Ausgabe „Forschung Frankfurt“ beschäftigt sich ausschließlich mit dem Thema „Geld“.

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Im Internet: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe

 Mehr Informationen zur Bürgeruniversität: „Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte?“, www.buerger.uni-frankfurt.de/34831468/buergeruni