„Politisierung der Wissenschaft“: Jüdische, völkische und andere Wissenschaftler an der Universität Frankfurt

Als Festredner der Tagung spricht am 27. Juni Avi Primor – Vorträge zu Gelehrten und ihren Forschungskonzepten aus den 1920er und 1930er Jahren

Veröffentlicht am: Freitag, 22. Juni 2012, 13:30 Uhr (140)

FRANKFURT. Wenn es um das Verhältnis zwischen herausragenden jüdischen und bekannten ‚völkischen‘ Wissenschaftlern geht, dann lässt sich dies besonders eindrucksvoll an der Goethe-Universität studieren: Ab 1933 durften von circa 300 Forschern 100 aus politischen Gründen oder wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht weiter lehren und wurden entlassen. Die internationale Tagung „‘Politisierung der Wissenschaft‘: Jüdische, völkische und andere Wissenschaftler an der Universität Frankfurt am Main“ wird von Mittwoch (27. Juni) bis Freitag (29. Juni) diese Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Zahlreiche Vorträge zu berühmten Frankfurter Gelehrten und ihren Forschungsthemen stehen auf dem Programm; unter anderem geht es um den Historiker Ernst Kantorowicz, den ersten Soziologie-Professor Franz Oppenheimer, den Physiker Friedrich Dessauer, den Mathematiker Max Dehn und den Rassehygieniker Otmar Freiherr von Verschuer.

Als Festredner des interdisziplinären Kongresses, der vom Historische Seminar der Goethe-Universität und dem Fritz Bauer Institut Frankfurt veranstaltet wird, spricht der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, am Mittwoch (27. Juni) um 18 Uhr im Casino (Raum 1.801), Campus Westend. Er wird sich dem Thema „Wie politisch soll die Wissenschaft sein?“ widmen; dabei geht es auch um die aktuellen Fragen, inwieweit die Politik dem Einfluss der Geisteswissenschaften unterliegt, unterliegen soll und unterliegen darf. Die Tagung sowie der Festvortrag sind öffentlich.

Mit Blick auf das 100jährige Bestehen der Goethe-Universität im Jahr 2014 haben die Frankfurter Historiker Prof. Dr. Moritz Epple, Prof. Dr. Johannes Fried, Prof. Dr. Raphael Gross und Janus Gudian M.A. diese Tagung zur interdisziplinären Wissenschafts- und Universitätsgeschichte konzipiert, zu der etwa 100 Wissenschaftler erwartet werden. „Da die Frankfurter Universität der Erfahrungshorizont war, aus dem heraus jüdische und völkische Wissenschaftler ihre Fragen entwickelten, erlaubt gerade die Untersuchung ihrer Koexistenz innovative Einblicke in die Gedankenführungen und das Zustandekommen wegweisender Theorien, so z.B. Karl Mannheims Werterelativismus“, so Fried.

Der Fokus der Tagung liegt auf den jüdischen Professoren und ihren Gegenspielern, etwa den deutsch-völkischen Gelehrten oder den Nutznießern der jüdischen Entlassungen von 1933/34. Dabei geht es unter anderem um folgende Fragen: Wie gestaltete sich dieses „Miteinander“ der disparaten politischen Anschauungen und wissenschaftlichen Arbeitsweisen? Welcher Wissenschaftler vertrat welche politische Auffassung? In welchem Verhältnis standen politische Anschauung und wissenschaftliches Weltbild? Welche neuen, gesellschaftlich relevanten Forschungsfragen entsprangen aus dieser Arbeitsatmosphäre? Welche Kommunikationsstrategien bildete der wissenschaftliche Diskurs im „Zeitalter der Extreme“ aus? Und inwiefern konstituierte der politisierte wissenschaftliche Diskurs den akademischen Erfahrungsraum, aus dem Frankfurter Professoren ihre gesellschaftspolitisch relevanten Wissenschaftskonzepte entwickelten?

Informationen: Janus Gudian M.A., Historisches Seminar, Campus Westend, Tel. (069) 798-32426;  gudian@em.uni-frankfurt.de