Erforschung der Nok-Kultur geht in die zweite Runde

Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Frankfurter Projekt mit weiteren 1,6 Millionen Euro

Veröffentlicht am: Donnerstag, 22. Dezember 2011, 00:00 Uhr ()

FRANKFURT. Das Wissenschaftler-Team des Instituts für Archäologische Wissenschaften, das seit 2005 Jahren die Nok-Kultur in Nigeria erforscht, kann seine erfolgreiche Arbeit fortsetzen. Kurz vor Weihnachten kam erfreuliche Post von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aus Bonn: Mit cirka 1,6 Millionen Euro unterstützt sie nun auch die zweite Phase des bis 2020 konzipierten Langfristvorhabens. „Die aus gebranntem Ton hergestellten Plastiken der Nok-Kultur sind über 2000 Jahren alt und verkörpern die älteste großformatige Figuralkunst im subsaharischen Afrika“, berichtet Forschungsleiter Prof. Dr. Peter Breunig von der Goethe-Universität. „Etwa 3000 Teile von Terrakotten lagern inzwischen in unserem Institut auf dem Campus Westend. Dort untersuchen wir den Stil der Fundstücke, die mineralogische Zusammensetzung des Tons und was sich über die Funktion der Teile sagen lässt.“ Einige dieser kunstvollen bis lebensgroßen Terrakotta-Figuren von Menschen und Tieren werden 2013 bei einer Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus zu sehen sein, anschließend wird die gesamte Ausstellung nach Nigeria gehen. Die Nok-Kultur gehört zu einer der bekanntesten bisher archäologisch untersuchten Kulturen Afrikas. Ohne das Frankfurter Projekt, das sich als einziges weltweit mit der Nok-Kultur befasst, bliebe diese Kultur vermutlich unerforscht. Dazu erläutert Breunig: „Der Hunger des internationalen Kunstmarktes nach früher afrikanischer Kunst löst schon seit einigen Jahren Raubgrabungen aus, wir müssen die wissenschaftlichen Zusammenhänge unbedingt weiter sichern, bevor es zu spät ist.“

Zwischen den von Raubgrabungen nicht betroffenen Fundarealen und auf neu entdeckten, unzerstörten Plätzen liegen die Ausgrabungsstellen des Frankfurter Archäologen-Teams, das in einer geräumigen Forschungsstation untergebracht ist, über der die Fahne der Goethe-Universität weht. Zu den Funden gehören Keramikgefäße, Steingeräte, Eisenobjekte, pflanzliche Reste und Terrakotten. „Eisen ist selten, was wahrscheinlich daran liegt, dass die Produktion des neuen Werkstoffes gerade erst erfunden wurde. Viel häufiger begegnen uns Keramikgefäße“, berichtet Breunig. „Form und Verzierung unterscheiden sich und lassen Entwicklungsabschnitte erkennen, die eine Grundlage der Chronologie der Nok-Kultur bilden. Terrakotten treten regelmäßig bei nahezu jeder Ausgrabung auf.“ Den ursprünglichen Zweck der Terrakotten zu ergründen, stellt die größte Herausforderung des Projektes dar.

Ein eigener, von Prof. Dr. Katharina Neumann geleiteter Projektteil, widmet sich den pflanzlichen Resten, die zwischen den diversen Funden zu Tage getreten sind. Sie liefern Hinweise auf die Umwelt und die Wirtschaftsweise. Bereits jetzt ist erkennbar, dass im Laufe der Nok-Kultur eine Vielfalt an Kulturpflanzen genutzt wurde. „Von Anfang an waren Hirse und eine Bohnenart vertreten; in den späteren Phasen kamen die Ölpalme sowie ein ‚Fonio’ genanntes Getreide hinzu“, ergänzt die Archäobotanikerin Neumann.

Im ersten Projektabschnitt, den die DFG mit knapp einer Million Euro förderte, stand die Frage nach der Chronologie der Nok-Kultur im Mittelpunkt. Aus der Zeit ihrer Entdeckung von 1950 bis 1970 stammen erste naturwissenschaftliche Datierungen, sie deuteten auf die Zeit von 500 v. Chr. bis 200 n. Chr. hin. Neue, zuverlässige Daten zeigen, dass die Kultur bereits weit vor 1000 v. Chr. einsetzte. Die Geburtsphase dauerte wahrscheinlich von 1500 v. Chr. bis 900 v. Chr. Danach erlebte sie ihre Blüte; denn fast alle Terrakotten stammen aus dieser Phase. Diese Blütezeit brach aus bisher ungeklärten Gründen zwischen 400 v. Chr. bis 300 v. Chr. abrupt ab, aus späterer Zeit sind nur noch kärgliche Spuren erkennbar. Geburt, Blüte und Kollaps einer klar umrissenen archäologischen Entwicklung weisen in ihrer Bedeutung weit über die lokalen Zusammenhänge hinaus. Dazu Breunig: „Wir erschließen damit auch Bereiche, die von überregionalen Interesse sind. Dazu gehören die Frage, warum sich Kulturen verändern, entstehen, erblühen und kollabieren. Aber es geht auch um den Zweck der Kunst in prähistorischen Gemeinschaften und die Entstehung kultureller und sozialer Komplexität.“

In der nun bewilligten zweiten Projektphase werden sich die Archäologen darauf konzentrieren, mehr über die räumliche Verteilung von Fundstellen im Gelände zu erfahren: „Wir gehen von der Hypothese aus, dass das Siedlungsgebiet nicht mit Dörfern oder Städten, sondern mit Streusiedlungen und Einzelgehöften überzogen war. Anders lässt sich die hohe Dichte an Fundstellen nicht erklären: cirka 250 Plätze im 20 x 15 Kilometer großen Forschungsgebiet“, informiert der Frankfurter Archäologe, der seit über 20 Jahren in Nigeria wissenschaftlich tätig ist und mindestens einmal pro Jahr dort mehrere Wochen verbringt. Geplant sind außerdem großflächige Ausgrabungen in der Größe einzelner Fußballfelder, um aus der Verteilung von Funden und Befunden auf Haus, Hof, Viehställe, Abfallbereiche, Gräber und Felder schließen zu können.

Ebenfalls vorgesehen und von der DFG finanziert ist auch eine Ausstellung über die Arbeit und Ergebnisse des Projekts. Sie wird 2013 im Liebieghaus in Frankfurt stattfinden. Die Forscher arbeiten eng mit nigerianischen Partnern zusammen, das DFG-Projekt ist in dieser Region inzwischen der größte Arbeitgeber und genießt die Unterstützung der lokalen Bevölkerung bis hin zu den traditionellen Autoritäten. Die Unterstützung reicht darüber hinaus bis zur politischen Spitze des Landes. So eröffnete 2008 der derzeitige Vize-Präsident Nigerias, Namadi Sambo, damals noch als Gouverneur des Bundeslandes Kaduna State, die Weltkonferenz der Afrika-Archäologie an der Goethe-Universität. Das gesamte Fundmaterial, das die nigerianischen Behörden zur wissenschaftlichen Bearbeitung und für die Frankfurter Ausstellung temporär nach Deutschland ausliehen, geht zurück nach Nigeria und wird anschließend in dortigen Museen gezeigt.

Bildmaterial und Bildunterschriften finden Sie im Downloadbereich in der rechten Spalte.

Informationen: Prof. Dr. Peter Breunig, Instituts für Archäologische Wissenschaften, Campus Westend, Tel. (069) 069/798-32094, breunig@em.uni-frankfurt.de