„... eilen wir den alten Göttern zu“ – Zur kontroversen Rezeption einer Ballade

Frankfurter Goethe-Vorlesungen erfreuen sich breiten Zuspruchs – Themen im Januar

Veröffentlicht am: Samstag, 10. Januar 2009, 00:00 Uhr ()

FRANKFURT. Drei Vorträge stehen im Rahmen der Frankfurter Goethe-Vorlesungen im Januar auf dem Programm; sie finden nicht wie im Programm angegeben im Casino sondern im Hörsaal 8 des neuen Hörsaal-Gebäude auf dem Campus Westend jeweils donnerstags um 18.30 Uhr statt. Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ erzählt nicht nur die haarsträubende Geschichte eines Ehebruchs, er führt auch eine Auseinandersetzung mit der Weltliteratur und der wissensgeschichtlich epochemachenden „Encyclopédie“ der Franzosen. Mit dieser Thematik beschäftigt sich am 15. Januar Waltraud Wiethölter, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Als Mitherausgeberin der Goethe-Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags zeichnet die Literaturwissenschaftlerin für den Band verantwortlich, der auch „Die Wahlverwandtschaften“ enthält. Ihre Forschungsschwerpunkte reichen historisch vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Unter dem Titel „... eilen wir den alten Göttern zu“ hat Robert Seidel, seinen Vortrag über Goethes Ballade „Die Braut von Korinth“ und die Geschichte ihrer Rezeption am 22. Januar gestellt. Der Vortrag des Professors für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit wird die kontroverse Rezeption der Ballade im Verlauf zweier Jahrhunderte rekapitulieren. Spannende, teilweise provozierende Deutungsversuche etwa aus psychoanalytischer oder feministischer Perspektive werden ebenso kritisch reflektiert wie die nahe liegende Position, wonach der Text einen Angriff gegen christliche Moral und Dogmatik aus dem Geist eines neuheidnischen Antikekultes darstelle.

Heinz Drügh beschäftigt sich mit der Logik der Verschwendung in Goethes „Wilhelm Meister“. Der Professor für Neuere deutsche Literatur und Ästhetik hat seinem Vortrag am 29. Januar den Titel „Luxus der Lehrjahre“ gegeben. Er arbeitet zurzeit an einer Überblicksdarstellung zur Moderne und beschäftigt sich mit dem Thema der Warenästhetik. Aus diesem Umfeld stammt auch die Idee für seinen Vortrag. Er fragt nach der Rolle des Luxus im Hinblick auf das sich formierende Bürgertum, wie es in der Welt des Bildungsromans ausführlich dargestellt wird. Ist Luxus eigentlich etwas Schlechtes und zu Überwindendes? Und was bedeutet es für unsere Vorstellung des Bildungsromans, wenn Luxus auch literarisch im Sinne einer Ästhetik der Verschwendung in Goethes Text virulent bliebe?

Das Institut für Deutsche Sprache und Literatur II veranstaltet in diesem Wintersemester zum ersten Mal die Frankfurter Goethe-Vorlesungen – bisher mit sehr gutem Zuspruch; die Reihe soll in Zukunft eine feste Einrichtung der Goethe-Universität werden. Das Programm ist umfangreich und abwechslungsreich: zwölf Vorträge in wöchentlichem Rhythmus bis 12. Februar 2009. Frankfurter Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler geben Einblick in ihre Werkstatt und stellen aus ihrer fachlichen Perspektive vor, was die Goethe-Forschung im 21. Jahrhundert zu bieten hat. Was erscheint neu an Goethe, wenn man neue Fragen an ihn stellt? Sind die traditionellen Deutungen des Dichterfürsten noch zeitgemäß? Welche Rolle spielt Goethe in der aktuellen Literatur und Kultur? Wo, wie und von wem wird Goethe heutzutage gelesen?

»Als Institut, das für das literarische Werk des Namenspatrons unserer Stiftungsuniversität zuständig ist, möchten wir eine Brücke von der Universität zur Frankfurter Bürgerschaft schlagen«, so der Initiator und geschäftsführende Direktor des Instituts für Deutsche Sprache und Literatur II, Prof. Andreas Kraß. Veranstaltet wird die Reihe, die aus Anlass der Umwandlung der Goethe-Universität in eine Stiftungsuniversität konzipiert wurde, in Verbindung mit dem Alumni Verein, der germanistischen Literaturdidaktik, dem Institut für Jugendbuchforschung, dem Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung und dem Freien Deutschen Hochstift/Goethe-Museum.

Informationen: Prof. Robert Seidel, Prof. Andreas Kraß, Institut für Deutsche Sprache und Literatur II, Campus Westend, Tel. (0 69) 798 32694 oder –32680, robertcseidel@lingua.uni-frankfurt.de, A.Krass@lingua.uni-frankfurt.de