Warum so viele Philosophen Tragödien bevorzugen

Prof. Dmitri Nikulin von der New Yorker ‚New School‘ erläutert am 26. Oktober im Forschungskolleg Humanwissenschaften sein Interesse an Komödien

Veröffentlicht am: Samstag, 17. Oktober 2009, 00:00 Uhr ()

FRANKFURT “Philosophen haben viel über Tragödien geschrieben, aber nur sehr wenig über Komödien. Der Grund dafür ist an sich schon wieder eine interessante philosophische Frage“, sagt Prof. Dmitri Nikulin von der New School for Social Research in New York. Der Philosoph ist zurzeit Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität. Als einer der wenigen Vertreter seines Fachs beschäftigt er sich mit dem Verhältnis von Komödie und Philosophie. Einen Einblick gibt Nikulin in dem

Vortrag: „The Comedy of Philosophy“
am: Montag, 26. Oktober 2009, um 18.00 Uhr
Ort: Forschungskolleg Humanwissenschaften, Am Wingertsberg 4, 61348 Bad Homburg

Die interessierte Öffentlichkeit ist herzlich eingeladen. Um eine kurze Anmeldung wird gebeten.

Die Tatsache, dass sich Philosophen weitaus mehr Gedanken über die Tragödie als über die Komödie gemacht haben, scheint nicht zufällig zu sein. Denn die Tragödie ähnelt in ihrer Struktur einem Menschenbild, wonach ein isoliertes Subjekt einsam und unausweichlich dem Tode entgegengeht. Heidegger beispielsweise sprach vom „Sein zum Tode“. Die Komödie ist lebensbejahend. Sie kann als eine dezidiert dialogische und auch philosophische Form gedeutet werden.

Prägend für die Komödie ist, dass hier nicht ein isoliertes Subjekt im Mittelpunkt steht, sondern das Zusammenspiel vieler Akteure. Die Handlung strebt dabei - nach allen unausweichlichen Komplikationen - einer Auflösung des Konflikts und einem versöhnlichen Ende zu. Die Komödie steht für ein Miteinander und einen gegenseitigen Austausch in einem gelingenden Leben. Die Struktur der Komödie korrespondiert in der Philosophie mit der Entwicklung eines wohldurchdachten Gedankens im Dialog.

Dmitri Nikulin verweist in seinem Vortrag, den er überwiegend in englischer Sprache hält, auf beispielhafte Komödien – von griechischen Dichtern der Antike über Shakespeare bis zu modernen Autoren. Die Einführung und Moderation übernimmt Prof. Rainer Forst, selbst Philosoph, Direktoriumsmitglied des Forschungskollegs und Co-Sprecher des Frankfurter Exzellenzclusters ‚Die Herausbildung normativer Ordnungen‘. Der Forschungsaufenthalt Nikulins wird aus Fördermitteln der Gerda und Alfons Kassel Stiftung Frankfurt am Main finanziert.

Als Fellow am Bad Homburger Kolleg widmet sich Dmitri Nikulin vor allem seinem aktuellen geschichtsphilosophischen Projekt. Es geht um die Strukturen, die die Geschichtsüberlieferung kennzeichnen, und um die Bedeutung von Geschichte für die Gegenwart. Geschichte, so Nikulin, ordnet und interpretiert die Vergangenheit jeweils in Bezug auf die Gegenwart. Diese Vorgehensweise trägt Züge einer Erzählung und ist somit stark narrativ geprägt und dialogbetont. Dabei gibt es durchaus Berührungspunkte zur Komödie. „Menschen mögen Komödien, weil sie gut enden“, so Nikulin. „Und sie möchten die Geschichte gerne als eine Art Komödie sehen, die trotz aller furchtbaren Geschehnisse ihren Sinn hat und einem guten Ende entgegenstrebt.“

Dmitri Nikulin hat in Moskau Mathematik und Philosophie studiert. Zahlreiche Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren führten ihn unter anderem nach Essen, Heidelberg und Tübingen sowie nach Oslo, Reykjavik, Santiago de Chile, Neapel und Paris. Seit 1995 lehrt er Philosophie an der Fakultät für Politik- und Sozialwissenschaften der New School for Social Research in New York.

Anmeldung Beate Sutterlüty, Forschungskolleg Humanwissenschaften, 06172/13977-15, b.sutterluety@forschungskolleg-humanwissenschaften.de

Informationen Bernd Frye, Pressereferent Forschungskolleg Humanwissenschaften, Tel. 06172/13977-14, frye@forschungskolleg-humanwissenschaften.de, www.forschungskolleg-humanwissenschaften.de