Der Blick aus Cambridge reformiert das Preußen-Bild

Historiker und Bestsellerautor Christopher Clark hält am 9. Juni einen Vortrag am Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität

Veröffentlicht am: Donnerstag, 04. Juni 2009, 00:00 Uhr ()

BAD HOMBURG. Cambridge-Professor Christopher Clark gilt als einer der besten Kenner Preußens und seines letzten Kaisers, Wilhelm II. Der aus Australien stammende, in England lehrende Historiker und Bestsellerautor („glänzend erzählt, gerecht im Urteil“, Die Zeit; „analytisch klar“, Frankfurter Rundschau; „hohes methodisches Niveau“, Frankfurter Allgemeine Zeitung) ist nun für zwei Wochen als Fellow zu Gast am Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität. Clark kommt auf Einladung des Kolleg-Projekts zur Normativität des Frankfurter Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Während seines Forschungsaufenthalts hält er einen öffentlichen Vortrag zum

Thema: „Ein Sonderweg? Preußen in der deutschen Geschichte“
am: Dienstag, dem 9. Juni 2009, um 18.00 Uhr
Ort: Forschungskolleg Humanwissenschaften,
Am Wingertsberg 4, 61348 Bad Homburg

Die Öffentlichkeit ist bei freiem Eintritt herzlich willkommen. Um Anmeldung wird gebeten.

Bei dem Vortrag von Prof. Clark, der in deutscher Sprache referiert, übernimmt Prof. Andreas Fahrmeir die Einführung und Moderation. Fahrmeir lehrt an der Goethe-Universität Neuere Geschichte mit Schwerpunkt 19. Jahrhundert. Er ist Angehöriger des Exzellenzclusters und im aktuellen Sommersemester ebenfalls Fellow am Kolleg. Hier arbeitet er – nun für eine Zeit auch zusammen mit seinem Fachkollegen Clark – zur „Partikularen Umsetzung normativer Wirtschaftsordnungen im 19. Jahrhundert“.

Christopher Clark, geboren 1960, lehrt Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine's College in Cambridge. Sein Buch „Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947“ ist eine der meist beachteten geschichtswissenschaftlichen Publikationen der vergangenen Jahre. Als erste große Synthese seit Otto Hintzes Klassiker „Die Hohenzollern und ihr Werk“ aus dem Jahre 1915 gewürdigt, liefert Clark im englischen Original („Iron Kingdom“) und in deutscher Übersetzung (erschienen 2007) eine Interpretation der preußischen Geschichte vom Dreißigjährigen Krieg bis zur Auflösung des preußischen Staates 1947. In Fachzeitschriften positiv rezensiert, in Feuilletons euphorisch gefeiert und im „Spiegel“ als Titelthema einer großen Leserschaft ans Herz gelegt, zeichnet Clark ein breites und anschauliches Bild der Außenpolitik, Verwaltung und Gesellschaft Preußens sowie der Dynastie der Hohenzollern für einen Zeitraum von über 300 Jahren. Deutlich distanziert sich Clark in seiner Interpretation von einem per se negativen Preußenbild. Statt den Hohenzollernstaat als Unglück des Deutschen Reiches zu zeichnen, betont Clark umgekehrt die Schwierigkeiten, die aus der Gründung des Deutschen Reiches 1871 für den preußischen Staat erwuchsen. Stärker als in der Bundesrepublik üblich, weist Clark auf das Potenzial hin, das Preußens gehabt habe, um sich zu einem an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt orientierten Staat zu entwickeln.

In seinen Interpretationen kommen in der Regel zwei, oft auch mehr Argumentationen zur Sprache. Das Preußen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts etwa brachte Demokraten hervor wie den Sozialdemokraten Otto Braun, aber auch so konservative Charaktere wie den Generalfeldmarschall Hindenburg. Clark hatte bereits in seiner Biografie Wilhelms II. vor seinem Preußen-Buch nachgewiesen, dass eine einseitige Verurteilung des Kaisers den komplexen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen des Kaiserreichs nicht gerecht wird. Ohne Wilhelm II. in Schutz zu nehmen, entwaffnete Clark die aggressive Kritik an dem Monarchen durch eine an vielen Bereichen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft interessierten Analyse. Besonders hilfreich erweist sich dabei Clarks stets in europäischen Dimensionen operierender Ansatz. So zählt er auch zu einem der pointiertesten und überzeugendsten Kritiker eines deutschen Sonderwegs in der Geschichte, der eine direkte und unmittelbare Verbindung von der Entwicklung der deutschen Geschichte und Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zur Diktatur der Nationalsozialisten impliziert.

Information: Prof. Andreas Fahrmeir, Forschungskolleg Humanwissenschaften, (06172) 13977-47, Historisches Seminar, Campus Westend, Tel. (069) 798-32626/32613, fahrmeir@em.uni-frankfurt.de; Bernd Frye, Pressereferent Forschungskolleg Humanwissenschaften, (06172) 13977-16,
frye@forschungskolleg-humanwissenschaften.de, Anmeldung: Beate Sutterlüty, Forschungskolleg Humanwissenschaften, (06172) 13977-15, info@forschungskolleg-humanwissenschaften.de